Die Koalitionsspitzen von Union und SPD haben sich darauf verständigt, die telefonische Krankschreibung abzuschaffen und grundsätzlich vom ersten Krankheitstag an eine ärztliche Bescheinigung zu verlangen. Noch ist das kein Gesetz, aber der politische Wille steht: Wer krank ist, soll früher beweisen müssen, dass er nicht bloß einen freien Tag erschwindelt.
Für Menschen mit Norovirus, schwerer Migräne, hohem Fieber oder akutem Hexenschuss ist das keine theoretische Feinheit. Wer zwischen Bett und Toilette pendelt, gehört ebenso wenig in ein Wartezimmer wie jemand, der wegen einer Migräne kaum Licht und Bewegung erträgt. Die bisherige telefonische Krankschreibung ist zudem keineswegs ein Selbstbedienungsladen: Sie gilt nur bei leichten Beschwerden, für bekannte Patienten, höchstens fünf Kalendertage und ausschließlich nach ärztlicher Entscheidung.
Als vermeintlich bessere Alternative wird die Videosprechstunde ins Feld geführt. Natürlich sieht der Arzt dort mehr als am Telefon. Ob jemand Schmerzen, Depressionen oder heftige Magen-Darm-Beschwerden nur vortäuscht, lässt sich aber auch durch eine Kamera nicht zuverlässig feststellen. Dafür braucht der Patient nun eine stabile Internetverbindung, ein geeignetes Gerät, einen kurzfristigen Videotermin und eine Praxis mit entsprechender Technik. Bei Migräne wird der Bildschirm gleich zur besonderen Zugabe.
Besonders dürftig ist die Begründung: Telefonische Krankschreibungen machten Untersuchungen zufolge lediglich 0,8 bis 1,2 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen aus. Gleichzeitig sank der Krankenstand im ersten Halbjahr 2026 sogar leicht, während psychische Erkrankungen deutlich mehr Fehltage verursachten.
Und ausgerechnet dort wird gespart. Der Erweiterte Bewertungsausschuss beschloss eine Kürzung fast aller psychotherapeutischen Leistungen um 4,5 Prozent, die erst gerichtlich vorläufig gestoppt wurde. Das GKV-Spargesetz streicht zusätzlich Zuschläge im ersten Block der psychotherapeutischen Kurzzeittherapie.
Die Koalition bekämpft damit weniger die Ursachen hoher Fehlzeiten als das ihr eigenes Gefühl, sie nicht im Griff zu haben. Sie errichtet eine Kontrollkulisse für Millionen Beschäftigte, um eine vergleichsweise kleine Zahl möglicher Blaumacher aufzuspüren, während die Versorgung psychisch Erkrankter finanziell unter Druck gerät. Der Krankenschein ab Tag eins wird so zum politischen Beruhigungsmittel: wirkungslos gegen Depressionen, aber hervorragend geeignet, der Regierung selbst Handlungsfähigkeit zu bescheinigen.











